Einen Monat bin ich jetzt schon von zu Hause weg. Ich bin mir noch immer nicht ganz im Klaren, ob die Zeit wie im Flug vorbeizog, oder ob mir 4 Wochen noch nie so lang vorkamen. Auf jeden Fall ist es eines von beidem. Ich glaube, ich bin mittlerweile geistig hier angekommen, aber wohnen tue ich hier noch nicht. Ich habe wohl auch realisiert, dass meine Reise für einen Urlaub doch schon zu lang ist, trotzdem fällt es mir schwer vorzustellen, dass ich diesen Ort für die nächsten neun Monate mein Zuhause nennen soll. Versteht mich nicht falsch, ich meine damit nicht, dass es mir hier nicht gefällt, es ist nur alles schon sehr fremd.
Als ich mir vor Kurzem meine anderen Einträge noch einmal durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich über alles berichte, nur die Menschen mit denen ich hier zu tun habe, scheine ich dabei offensichtlich vergessen zu haben. Also sollte ich sie euch mal vorstellen. Meine Gasteltern sind total nett. Die Chance, mich richtig mit ihnen zu unterhalten habe ich leider nicht, das dauert wohl auch noch, eben so lange, bis ich anständig Sätze auf Chinesisch rausbringe. Aber obwohl ich ziemlich unkommunikativ wirken muss, sind sie immer total freundlich. Meine Gastmutter arbeitet nicht und ist den ganzen Tag zuhause. Mein Gastvater arbeitet schon, aber irgendwie habe ich noch nicht ganz herausgefunden, was. Er arbeitet zuhause und sitzt eigentlich nur am Computer und guckt sich Aktienkurse an. Wenn überhaupt. Ich habe meine Gastschwester mal gefragt, was er denn genau macht, woraufhin ich die Antwort „Buisnessman“ bekam. Aha, danke, jetzt bin ich um einiges schlauer. Mit Danni habe ich seit Schulanfang nicht mehr viel zu tun. Wir gehen jeden Morgen zusammen hin, aber nach der Schule setzt sie sich eigentlich immer hin und lernt. Ich weiß nicht, bis um wie viel Uhr, auf jeden Fall lange, denn sie ist noch immer am Lernen, wenn ich schon längst im Bett liege.
Ich muss sagen, dass ich mit den anderen Austauschschülern die meiste meiner Zeit verbringe. Chinesische Freunde habe ich noch nicht gefunden. Da ich meistens in meiner International Class bin und nur noch wenig mit meinen früheren Mitschülern zu tun habe, sind noch nicht wirklich Freundschaften entstanden. Abgesehen davon, haben Schüler in meinem Alter aber auch gar keine Zeit nach der Schule Dinge zu unternehmen, denn wie meine Gastschwester lernen sie. Sie sind alle sehr nett, das schon, aber auch alle ein Jahr jünger als ich und benehmen sich na ja, noch sehr viel jünger.
So kommt es also, dass ich mich mit den anderen Austauschschülern gut angefreundet habe, mit Lia, Mo, Golo und Andrea. Wir waren schon im Zoo, bei dem 10ten deutschen Bierfest (wir sind aber nicht rein gegangen, 38 Euro war uns zu teuer), in Einkaufszentren und natürlich in sämtlichen Fast-Food-Ketten die Shanghai zu bieten hat. Pizza Hut, McDonalds, Burger King, Papa Johns, Subway und neulich haben wir Taco Bell neu entdeckt. Sehr lecker. Es ist nicht so, dass wir unbedingt fett werden wollen, nur chinesisches Essen ist, nun ja, etwas gewöhnungsbedürftig.
Wenn ich zuhause esse, dann schmeckt mir das Essen eigentlich immer gut. Es gibt viel gekochtes Gemüse, meistens Sorten die ich in Deutschland noch nie gesehen habe. Reis gibt es auch immer und oft Garnelen, Fisch aber manchmal schummelt sich auch etwas Ekliges wie Entenhals auf den Tisch. Ich versuche mich dann halt immer daran vorbeizuschummeln und alles andere zu essen ohne, dass es jemand merkt. Klappt manchmal, leider nicht immer. Oft zeigt meine Gastfamilie auf ein Gericht und sagt den chinesischen Namen, eine indirekte Aufforderung doch mal zu probieren, der ich dann widerwillig jedoch lächelnd Folge leiste.
Jedoch wirklich widerlich ist das Essen im Restaurant und wir gehen oft essen. Meistens mit Geschäftskollegen von meinem Gastvater. In den besseren Restaurants bekommt man einen eigenen Raum zugewiesen mit einem riesigen, runden Tisch mit einer Drehplatte in der Mitte. Auf die werden dann im Laufe des Abends ganz viele kleine, verschiedene Gerichte serviert und die Platte wird immer gedreht, sodass jeder alles essen kann. In dem Raum stehen immer zwei Kellner in der Ecke um bei Bedarf Tee oder sonstige Getränke nachzuschenken oder schmutzige Teller durch saubere zu ersetzen. Besonders luxuriös ist es, wenn man auch noch einen eigenen Fernseher im Zimmer hat. Eigentlich ist das auch immer ganz gemütlich, wenn doch bloß das Essen nicht wäre. Am Anfang dachte ich noch, das wäre kein Problem, wenn ich mich beim Essen etwas zurückhalte und immer mal wieder nur von dem esse, was ich mag, aber da hab ich wohl falsch gedacht. Irgendjemand passt immer auf, dass „Mahie“ auch alle Leckereien einmal kostet. Meistens ist es der Chef meines Gastvaters, denn er bezahlt den Spaß meistens. So kommt es dann doch manchmal vor, dass roher Schweinefuß oder -ohr, Qualle oder Entenfuß in meinem Mund verschwinden. Bestimmt habe ich noch weitere ekelhafte Sachen gegessen, ich weiß es nur nicht, denn ich habe festgestellt, dass man Dinge mit der Gewissheit, dass es sich dabei um beispielsweise Fischauge handelt, sehr viel schlechter runterkriegt. Danni macht sich allerdings gerne einen Spaß daraus. Wenn wieder jemand auf irgendwas zeigt und ich es also esse sagt sie: „Weißt du was das ist? Jellyfish!“ Schmeckt übrigens genau wie Gummi.
Aber wirklich eklig war es auch als ein riesiger Topf auf unsere Drehplatte gestellt wurde und die Kellnerin sich irgendwie mit den anderen am Tisch unterhielt woraufhin auf mich gezeigt wurde und meine Schüssel mit etwas gefüllt wurde. Mir wurde die unglaubliche Ehre zuteil, den Fischkopf zu essen! Ich wusste gar nicht, wie ich mich bedanken soll…
Bei Weitem das Ekelhafteste, was mir vorgesetzt wurde, war aber eine Art Algensuppe oder so. Ich kam nach der Schule nach Hause und meine Gastmutter machte mir Reis mit Scampis warm, total lecker. Doch 5 Minuten später wurde mir auch noch ein übel riechender Matsch vor die Nase gestellt. Ich habe ja im Laufe der Zeit die Taktik entwickelt, wirklich abartige Sachen einfach mit Wasser ungekaut runterzuspülen. Bei vielen Dingen klappt das super, eigentlich bei sämtlichen Suppen und Sachen wie Seegurke oder so.
Aber schon als ich den Algenmatsch-Löffel nur in die Nähe meines Mundes führte war mir zum Kotzen zumute. Und nachdem ich das Zeug runterschluckte musste ich würgen. Mir war klar, das kann ich nicht essen. Also brauchte ich einen Plan. Ich war allein mit meiner Gastmutter, die auf dem Sofa saß, ich war nicht in ihrem Blickwinkel. Dann sah ich die Küchentücher und schnappte mir ein paar in die ich die Algen einwickelte. Das artete aber erstmal zu einer Sauerei aus, denn die Flüssigkeit sabschte durch alles durch und ich hätte Ewigkeiten gebraucht um alles in diesen Tüchern zu entsorgen. Aber mit meiner Schüssel einfach ins Bad gehen und den Matsch das Klo runterzuspülen ging ja schlecht. Aber mit dem Trinken konnte ich es machen. Also fing ich an, alles in meine Tasse reinzuschaufeln um dann unauffällig aufs Klo zu schlendern. Was für eine Erleichterung, als ich mit leeren Tasse zum Esstisch zurückkam! Ich klimperte noch einen Moment mit meinem Löffel auf der leeren Schüssel herum um dann zu verkünden, dass ich satt wäre und es mir unglaublich gut geschmeckt hätte.
Wenn ich sagen müsste was ich in meiner Zeit hier gelernt habe würde ich wohl sagen: „Das Auge isst mit! – Und Chinesen essen Augen mit…“
Denkt an mich, wenn ihr Schwarzbrot esst!
Marie








1 Kommentar:
Liebe Mahie
Wie schön, dass Du so spannende kulinarische Erfahrungen machst. Wer kann schon von sich sagen,
mit Fischaugen auf Du zu sein...
Es macht, wie immer, unglaublichen Spaß, Deine Erzählungen zu lesen. Wir überlegen schon, wie wir das Geld am besten für Dich anlegen (kann uns Dein Gastvater ja vielleicht ein paar Tipps geben), wenn Deine Shanghai-Storys, als Buch veröffentlicht, auf der Bestseller-Liste nach oben schnellen.
Und ich bewundere außerordentlich Deine entspannte Art, Dich in dieser fremden Welt zu bewegen.
Respect!
Wir vermissen Dich hier sehr, es ist wahnsinnig ruhig ohne Dich.
In großer Zuneigung,
Dein dicker Luck
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