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Samstag, 26. Januar 2008

Halbjahres-Zusammefassung fürs Zeit-Stipendium

Das ist nur nochmal eine Zusammenfassung für mein Stipendium:


Fast fünf Monate sind vergangen, seit ich in Frankfurt in das Flugzeug nach Beijing stieg und obwohl es mir vorkommt, als wäre die Zeit nur so im Flug vorüber gezogen ist doch schon einiges passiert.

Es ist komisch in Tagebucheinträgen nachzulesen, über welche Dinge ich mich am Anfang noch so sehr gewundert habe. Dinge, die für mich jetzt alltäglich geworden sind; Menschen, die in Schlafanzug und Puschen zur Arbeit gehen, zwei halb aufgeschnittene Schweine die auf dem Gepäckträger eines Fahrrads über eine Schnellstraße kutschiert werden oder die Händler auf den größten Straßen Shanghais ganz öffentlich versuchen einem Drogen oder Designertaschen anzudrehen.

Aber vielleicht sollte ich ganz am Anfang anfangen.

Ich verbringe mein Auslandsjahr in Shanghai, China. Im Gegensatz zu anderen Austauschschülern habe ich ziemlich Glück gehabt, denn ich wohne im Zentrum von Shanghai, im achten Stock eines Hochhauses. Ich habe eine Gastmutter, einen Gastvater und eine 17-jährige Gastschwester, die selbst bereits ein Auslandsjahr gemacht hat, in Hamburg, meiner Heimatstadt. Ich habe sie sogar einmal in Hamburg getroffen und sie hat mir das Wichtigste erzählt. Es kommt mir nicht lange her vor und jetzt bin ich hier und habe schon fast die Hälfte meiner Zeit rum.

Die Wohnung ist total gemütlich und ich habe mein eigenes Zimmer. Mit meiner Gastschwester verstehe ich mich ziemlich gut, es ist häufig eine Hilfe, dass sie Deutsch sprechen kann und meine Gasteltern sind supernett. Sie sprechen nur Chinesisch, was die Kommunikation am Anfang relativ schwierig machte, mittlerweile ist das aber kein großes Problem mehr, mittlerweile kann ich mich schon ausreichend auf Chinesisch mit ihnen verständigen.

Zur Schule brauche ich nicht lange, 20 Minuten vielleicht. Sie ist ziemlich klein, untypisch für China, aber mir gefällt das sehr. Nach kurzer Zeit hatte mich nämlich jeder Schüler mindestens einmal gesehen und ich werde nicht mehr so sehr angestarrt. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich mitten in der Stadt wohne; meine Freundin wohnt mehr am Rand Shanghais und als ich sie mal in ihre Schule begleitet habe, hatte ich mehr das Gefühl im Zoo als in einer Schule zu sein. Nicht als Besucher, als Attraktion versteht sich.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Schultag, an dem ich am Eingang mit „Guten Tag, Lehrerin“ begrüßt wurde und meine Mitschüler dachten ich wäre die neue Klassenlehrerin als ich den Raum betrat. Dieser erste Tag war ziemlich anstrengend, denn er startete mit einer zweistündigen chinesischen Lautsprecherdurchsage, von der ich natürlich kein Wort verstand. Mittlerweile habe ich immer ein Buch dabei, wenn ich eine Stunde in der chinesischen Klasse habe, denn mein Chinesisch ist leider nicht so gut, dass ich dem Unterricht folgen könnte und oft sprechen die Lehrer den shanghainesischen Dialekt, von dem ich gar kein Wort verstehe; aber die meiste Zeit in der Schule habe ich Unterricht in einer internationalen Klasse, zusammen mit drei Koreanern und einem Amerikaner. Auch in diesem Punkt hatte ich sehr viel Glück, denn soviel Chinesischunterricht wie ich haben nicht viele der anderen Austauschschüler.

Jeden Schultag klingelt mein Wecker um sechs Uhr, denn um sieben Uhr muss ich in der Schule sein. Um 7:20 Uhr jeden Morgen wird die Flagge gehisst, die Nationalhymne wird abgespielt und danach macht die ganze Schule eine so genannte „Morgengymnastik“, eine Art Tanz. Das erste Mal, das ich das machen musste war schrecklich, denn niemand hatte mich vorgewarnt und ich hatte natürlich auch keinen blassen Schimmer, was denn plötzlich alle da machen. Also stand ich halb verzweifelt aber auch irgendwie halb amüsiert, denn die Bewegungen sehen irgendwie doch etwas komisch aus, in Mitten eines Haufens chinesischer Schüler und konnte mich nicht entscheiden, ob ich weinen oder lachen sollte. Ich versuchte, dann irgendwie einfach nachzumachen, was alle anderen taten, was mir natürlich nur so mittelmäßig gelang. Die darauf folgenden Wochen graute mir noch immer davor, aber im Laufe der Zeit lernte ich die Bewegungsabfolge immer besser, leider verhindert das nicht, dass ich sehr auffalle, als einziger blonder Kopf inmitten von dunkelhaarigen.

Um 7:45 fängt die erste Schulstunde an, für mich eigentlich immer Chinesisch, besonders viele andere Fächer habe ich nämlich nicht; ein paar Stunden in der chinesischen Klasse, eine Stunde Musik in der Woche, mein Lieblingsfach „Flower Arrangement“ (ja, wir werden wirklich danach bewertet, wie gut wir Blumen in einen Klotz stecken) und ansonsten Chinesisch, Chinesisch, Chinesisch. Ein kleines Problem am Anfang war, dass wir drei verschiedene Lehrerinnen hatten, von denen eine Englisch, eine Koreanisch und eine ausschließlich Chinesisch beherrscht. So kam es, dass in einem Drittel der Stunden nur die Koreaner, die kein Englisch sprechen, mitarbeiten konnten, in einem Drittel der Stunden konnten nur der Amerikaner und ich verstehen, worum es ging und den Rest der Stunden verstanden wir alle nur Bahnhof. Mittlerweile stört das aber nicht mehr sehr, wir versuchen ausschließlich Chinesisch zu sprechen.

Jeden Tag habe ich acht Schulstunden und eine Mittagspause zwischendrin, in der Regel kann ich so um vier nach Hause gehen.

Im Gegensatz zu den Chinesen in meinem Alter, habe ich also sehr viel Freizeit. Meine Schwester zum Beispiel, kommt jeden Tag aus der Schule, setzt sich hin und lernt, isst zu Abend, lernt, duscht, lernt dann noch mal und ist mit Glück um elf im Bett. Das ist völlig normal hier, sie ist da keine Ausnahme. Das ist so ziemlich das Problematischste an China; Freunde zu finden ist sehr schwer, denn um es ganz deutlich zu sagen, niemand hat hier Zeit um mit dir Dinge zu unternehmen. Klar, während der Schulzeit rede ich sehr viel mit meinen chinesischen Klassenkameraden und ich verstehe mich auch sehr gut mit ihnen, richtige chinesische Freunde habe ich aber nicht gefunden. Ich mache dagegen viel mit den anderen Austauschschülern, die ebenfalls ein Jahr hier verbringen. Zusammen schlagen wir die gelegentlich aufkommende Langeweile tot, denn die tritt, leider, öfter auf. Ein weiteres Problem daran, dass die chinesischen Schüler keine Freizeit haben, ist nämlich, dass es keinerlei Sportclubs oder sonstige Angebote für Jugendliche in meinem Alter gibt, mit denen man sich die Zeit sinnvoll vertreiben kann.

Also treffe ich mich regelmäßig mit den anderen und wir erkunden Shanghai, gehen essen oder Sonstiges. Ich erinnere mich noch unglaublich gut an den Tag, an dem wir zu IKEA gegangen sind und erstmal einen Riesen-Schock bekamen: Auf sämtlichen Sofas, Betten, Barhockern, ja auf allem auf dem eine Sitzfläche existierte, war jeder Platz belegt. Sogar die „Musterzimmer“ (diese kleinen Räume, mit einer offenen Wand, in denen eine Anordnung von Möbeln vorgeschlagen wird) wurden dabei nicht verschont. Der Vorführeffekt war also so gut wie nicht vorhanden, denn man sah ja das Zimmer vor Chinesen nicht.

Das ist wohl eins der einzigen Vorurteilen gegenüber Shanghai, dem ich nicht widersprechen kann: Es ist unglaublich voll und man kommt auf Einkaufsstraßen oft nicht wirklich schnell voran, weil man sich zwangsläufig an das Tempo der vorangehenden Chinesen anpassen muss. Hamburgs Innenstadt am 24. Dezember ist nichts dagegen.

Vielleicht sollte ich diese Gelegenheit nutzen, um mal ein paar Vorurteile auszuräumen. Die erste Behauptung, über die ich nur lachen kann, ist, alle Chinesen wären klein. Das stimmt nämlich überhaupt nicht, es gibt viele Jungs in meiner Schule, die ein ganzes Stück größer sind als ich. Unter den Mädchen bin ich vielleicht schon die Größte, aber mit 173cm bin ich ja auch nicht gerade klein. Im Durchschnitt mögen sie vielleicht kleiner sein als wir Europäer, jedoch gibt es sehr viele auffällig große Chinesen.

Ich habe hier in Shanghai auch noch nie Hund oder Katze zu Essen angeboten bekommen, das mag vielleicht in manchen Teilen Chinas vorkommen, ist aber nicht sehr gewöhnlich. Ich habe schon öfter Shanghainesen gefragt und eigentlich haben alle gesagt, sie würden weder Hund noch Katze essen. Allerdings muss ich zugeben, dass hier dafür andere Dinge gegessen werden, die wir vielleicht als ekelhaft bezeichnen würden. Ich habe hier bereits rohe Schweinefüße, Entenhals, viele Innereien, Entenfüße, die unangenehm an Alienhände erinnerten, Qualle und bestimmt noch viele andere Dinge gegessen, die ich wenn ich gewusst hätte, was sie waren, wohl eher nicht gegessen hätte. Mit der Zeit habe ich nämlich gelernt, dass man sich selbst einen Gefallen tut, indem man nicht danach fragt. Es ist wirklich schwer, in etwas hinein zu beißen, mit dem Bewusstsein, dass es sich dabei um Schweineohr oder einen Spatzen handelt. Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß, wie man so richtig sagt. Es ist nämlich eine Beleidigung, etwas zu essen abzulehnen, man kann das nur sehr selten tun und sollte sich deshalb gut überlegen, wann man das tun möchte und ob überhaupt. Vegetarier haben es hier sehr schwer und meine Freundin, die mit mir hier ist, hat lieber ein Jahr mit ihrem Vegetarier Dasein ausgesetzt.

Bei mir zuhause ist das Essen eigentlich total lecker, ich kann mich, bis auf wenige Ausnahmen, gar nicht beklagen. Meine Gastmutter kann super kochen. Wenn wir jedoch essen gehen, und das kommt leider nicht selten vor, dann wird das für mich immer ein Kampf darum, wie viele „Essensopfer“ ich bringen muss. In chinesischen Restaurants bestellt nämlich nicht jeder sein eigenes Gericht, sondern es gibt eine Drehplatte in der Mitte und darauf werden viele verschiedene Gerichte gestellt von denen jeder isst. Ich versuche immer mich um soviel wie möglich drumherumzuschummeln, während die anderen am Tisch ein wachsames Auge darauf habe, dass ich auch alles probiere. Fällt auf, dass ich etwas nicht esse, dann wird auf das unberührte Gericht gezeigt und gesagt: „Mahie (eigentlich hätte ich eher damit gerechnet, dass aus dem „r“ in meinem Namen ein „l“ wird, wohl ein weiteres Vorurteil), iss das!“ Und das Essen im Restaurant ist schrecklich, zumindest in denen, die meine Familie bevorzugt. Fast alle der oben aufgezählten „Leckereien“ habe ich im Restaurant gekostet. Tröstend ist nur die Gewissheit, dass alle es ja nur gut mit dir meinen. Zusammenfassend kann ich also sagen, dass chinesisches Essen wirklich wunderbar schmecken kann aber auch wirklich abscheulich. Aber mit dem Essen nicht zimperlich zu sein, lernt man hier auch mit der Zeit automatisch und wenn ich nach Deutschland zurückkomme, wird meine Mutter womöglich Luftsprünge machen, weil sie vor meiner Abreise immer behauptet hat, es gäbe nur exakt zehn Gerichte, die ich mögen würde.

Ich habe meine Zeit hier bis jetzt sehr genossen und freue mich auf jeden Fall darauf, noch weiter Schrullen der Chinesen zu entdecken, oder bei Betrachten chinesischer Verhaltensweisen festzustellen, wie komisch wir Deutschen eigentlich sind. Auf die Zeit, in der ich dann tatsächlich Chinesisch sprechen kann und nicht noch zwischendurch englische Worte einschieben zu müssen. Ja, ich freue mich sogar darauf noch weitere chinesische Gruselgerichte zu probieren.

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