Dann habe ich fünf Stunden bis zur 70-minütigen Mittagspause um 12:50 Uhr. Es wurde eingeführt, dass die Schüler in ihren Klassen essen und so stehen immer pünktlich 2 Kartons mit roten Tupperdosen, gefüllt mit unserem Mittagessen, vor den Klassenzimmern und warten darauf gegessen zu werden. Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich sie am liebsten ewig warten lassen, aber letztendlich entschließe ich mich dann doch immer wieder gegen McDonalds und für das eher minder genießbare Schulessen. Obwohl McDonalds nur 5 Minuten entfernt legt. In den Mittagspausen gehe ich manchmal bummeln, denn wie bereits gesagt liegt die XiangMing High-School direkt in der besten Shopping Gegend. Und H&M mittendrin. Was gibt es Schöneres?
Nach der Mittagspause habe ich dann aber noch mal 3 Stunden und danach sagt die Klassenlehrerin wieder wichtige Sachen an. Manchmal frage ich mich wirklich, ob diese Sachen echt alle wichtig sein können.
Um ungefähr 4 Uhr werde ich dann in die Freiheit entlassen, ungünstigerweise aber auch mitten in die Rush Hour. Die Rückfahrt mit dem Bus dauert also wesentlich länger als die Hinfahrt. Zu Hause angekommen bin ich also meistens völlig fertig und habe keine Lust noch etwas zu unternehmen, meistens gehe ich um neun Uhr ins Bett. Wenn ich doch noch etwas mache, dann ist das eine eher stressige Angelegenheit, denn erstmal zu dem Ort hinzukommen zu dem man will stellt sich als äußerst schwierig heraus. Das U-Bahn-Netz ist katastrophal und die Busse sind, wie bereits erwähnt, sehr langsam. Taxi ist zwar billig, aber das häuft sich auf Dauer auch an und um die Zeit ein Taxi zu bekommen ist wie ein Sechser im Lotto. Aber da meistens alle zur Verabredung zu spät kommen, muss ja keiner warten. Um 10 Uhr muss ich spätestens zu Hause sein. Also hab ich nicht viel Zeit.
Seit dieser Woche bin ich in einer International Class, bestehend aus 3 Schülern. Einer Koreanerin die nicht redet, einem aus Texas und mir natürlich. Ich und der Amerikaner harmonieren eher nicht so gut, milde ausgedrückt. Seit dieser Woche ist also Schluss mit einem Buch am Tag lesen und mal eben die 2 Stunden Schlaf nachholen, die man in der Nacht verpasst hat. Während ich nämlich in der chinesischen Klasse unter den 40 Schülern nicht so sehr aufgefallen bin und die Lehrer sich auch nicht sonderlich dafür interessiert haben, was ich tue, weil sie eben wissen, dass ich kein Wort verstehe, steht man in einer 3-köpfigen Klasse ganz schön unter Beobachtung. Auf der einen Seite bin ich darüber dankbar, da ich ziemlich viel Chinesisch lerne, eben von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags, auf der anderen Seite wünsch ich mir die dämliche Schule aber wirklich auf den Mond.
Zum Beispiel wenn die vier verschiedenen Chinesisch Lehrerinnen mal wieder den ganzen Tag dasselbe machen, weil sie sich nicht absprechen und noch dazu kein Englisch verstehen. Zählen konnte ich schon bevor ich hierher gekommen bin, genauso wie meine Mitschüler, für die Lehrer allerdings scheint dieses Thema wichtig genug um sich einen ganzen Tag damit auseinanderzusetzen.
Oder heute als ich Musik hatte und unsere Lehrerin so ein absolute hohes chinesisches Volkslied abspielte, die Koreanerin sofort einschlief, der Ami meinte er würde so was nicht singen, er höre nur Heavy Metal und sich stattdessen mit Headbanging beschäftigte. Ich blieb also als Einzige übrig. Da die Lehrerin eine der schüchternen Sorte war, die sich dann nicht traut etwas gegen schlafende oder headbangende Schüler zu sagen und sie mir wirklich Leid tat hab ich mich doch tatsächlich dazu hinreißen lassen mit einer leichten Erkältung eine ganze Stunde lang ein chinesisches Volkslied-Solo hinzulegen. Danach hab ich mich dann dazu entschieden diese vierte Stunde mittwochs lieber lesend in meiner chinesischen Klasse zu verbringen als trällernd in einem Haufen von Verrückten. Die Freiheit habe ich nämlcih was Fächer wie Musik, Sport etc. angeht.
Aber die Härte war es, dass ich heute, nach dem anstrengendesten Schultag meines Lebens noch mit Hausaufgaben, die mich bis um 8 Uhr abends beschäftigen sollten überhäuft wurde. Hab ich mich jemals darüber beschwert meine chinesische Klasse sei mir zu langweilig dann entschuldige ich mich und nehme alles zurück. Sie ist das Paradies. Wenn ich in einem Jahr aufgrund meiner International Class nicht mit perfektem Chinesisch zurückkomme mit dem ich einen Doktortitel verdienen würde, dann verklage ich aber so einige Leute.
Trotzdem gewöhne ich mich so langsam an den Alltag hier. In der Schule ist es angenehmer, denn sie ist relativ klein und fast jeder hat mich jetzt einmal gesehen, als Austauschschülerin erkannt und ich werde morgens nicht mehr ganz so oft mit „Laoshí Hao.“ begrüßt, was soviel bedeutet wie „Guten Tag, Frau Lehrerin.“ Am Montag muss ich mich auch noch beim Fahnenappell auf Chinesisch der ganzen Schule vorstellen aber ehrlich gesagt halte ich das eher für einen schlechten Scherz. Wer mich besser kennt weiß wie gut ich im vortragen von Dingen vor einem Publikum bin (oder auch eben nicht bin) und logisch ist natürlich auch, dass ich auf Chinesisch noch nicht sagen kann, was ich von diesem Auslandsjahr erwarte. Also wünscht mir Glück, ich werde es definitiv brauchen.
Auch auf der Straße habe ich nicht mehr ganz so oft das Gefühl angestarrt zu werden, vielleicht haben sich die Chinesen ja an mich gewöhnt. Natürlich ist es eigentlich andersrum und ich habe mich wohl eher an das Starren gewöhnt, aber mir kommt es halt anders so vor. Ich mag es auch gerne mit meiner Schuluniform herumzulaufen, nicht weil ich sie schön finde, nein, sie ist scheußlich, sondern weil ich dann nicht immer das Gefühl habe von jedem vorbeigehenden Chinesen einen Stempel mit dem Wort „Tourist“ aufgedrückt zu bekommen. Genau genommen habe ich erst ein Teil meiner Schuluniform, ein weißes Poloshirt in Elefantengröße, den Rest bekomme ich im Laufe der Zeit noch.
Es gibt Essen, ich hoffe dass heute keine Entenfüße, die aussehen wie Alienhände, rohe Schweinefüße, Algensuppe oder Qualle dabei sind, sonst wird ich wohl oder übel ohne Essen ins Bett gehen, denn wenn ich etwas esse, dann muss auch alles probiert werden. Aber manchmal ist das Opfer wirklich zu groß, man verzichtet gern auf das Essen. So sind alle glücklich. Du selber, weil du nicht lächelnd Fischaugen essen musst und die Familie weil sie denkt du wärest einfach nicht hungrig. Über das Essen erzähl ich auch gern wann anders noch mal.
Grüße, Küsse,
Marie







