Übersetzungen - Wirklich bereit für die Olympia?

YunNan Fotos

Freitag, 5. Oktober 2007

Von Koreanern, Frauen-Fußball und Hochzeiten

Ich habe endlich Ferien! Nur eine Woche, aber immerhin. Nach chinesischer Logik hatten wir deshalb letzte Woche auch noch Samstag und Sonntag ganz normal Schule. Mit der Begründung, dass man ja in den Ferien nicht zur Schule geht. Bin ich die einzige, die darin keinen tieferen Sinn entdecken kann? Ich dachte immer, man hat Ferien, damit man nicht zur Schule gehen muss… Na ja, China halt.

In den Schulalltag habe ich mich mittlerweile eigentlich komplett eingewöhnt. In meiner International Class haben wir auch noch einen neuen Schüler, einen Koreaner. Jetzt ist der Zirkus da komplett. Wir haben einen Amerikaner, der manchmal mitten in der Stunde aufsteht und anfängt etwas an die Tafel zu malen, oder der viel zu spät zur Stunde kommt und sich zuerst auf einen Stuhl vor unsere Klimaanlage stellt um abzukühlen. Sowieso ist er total überzeugt davon, dass sein Chinesisch absolut perfekt ist, leider bemerkt er nicht, dass ihn kein Schwein versteht.

Dann haben wir eine Koreanerin. Ich habe noch niemals in meinem Leben einen Menschen so viel schlafen sehen. Wenn wir Sportunterricht haben, dann zieht sie sich ihre Schuhe aus, rollt sich auf einer Sportmatte zusammen und schläft die ganze Stunde durch. Einmal hatten wir Chinesisch Unterricht und meine Lehrerin fragte mich, wo denn die Koreanerin wäre, woraufhin mir einfiel, dass sie nach Sport ja niemand geweckt hatte. Ich musste also aus dem fünften Stock runterstratzen um ihren Schlaf zu unterbrechen.

Sie schafft es sogar, in jeder 10-Minuten-Pause einzunicken. Die Koreaner aus der Nachbarklasse haben das irgendwie mitgekriegt und machen sich einen Spaß daraus, in jeder Pause in unsere Klasse zu kommen um sie irgendwie aufzuwecken. Das Fieseste war wohl, als jemand ihr direkt ins Ohr geschrieen hat.

Der Neue ist auch ein bisschen komisch. Er ist 17, sieht aus wie 13 und verhält sich auch so. Er kann so gut wie kein Wort Englisch, aber er hat sich mal von dem Ami sämtliche englische Schimpfwörter beibringen lassen. Das ging von „Fuck You“ über „You are full of Shit“ bis zu „Fucking Hell“! Das Problem ist, dass er sich leider nur letzteres merken konnte. So kommt es, dass er immer durch die Klasse rennt und „Fucking Hell“ brüllt und dabei immer jedem den Mittelfinger zeigt. Die Koreanerin erwidert das immer, dann er wieder und das geht erstmal Stunden so. Na ja, jedem das seine.

Ich merke langsam, dass mein Chinesisch sich verbessert und dass ich manchmal sogar ein paar Wortfetzen verstehe. Neulich zum Beispiel hat mich jemand an der Bushaltestelle angelabert und ich hab ihm dann gesagt, dass ich ihn nicht verstehe. Das schien ihn aber nicht sonderlich zu stören und er brabbelte weiter und ich hab ihn verstanden! Der hat mich nämlich gefragt woher ich komme und dann fing er sofort mit Fußball an und ob ich das Spiel gesehen hab. Ich konnte ihm sogar antworten und ihm mitteilen, dass ich sogar im Stadion war. War ich nämlich, zusammen mit Golo und Moritz. War ziemlich lustig. Und wer kann schon von sich behaupten, das er ein Fußballspiel gesehen hat in dem Deutschland Weltmeister geworden ist?

Ansonsten habe ich in den Ferien nicht viel gemacht, hab mich eigentlich meistens nur mit den anderen Austauschschülern getroffen.

Nur gestern war ich auf einer Hochzeit. Das war ziemlich lustig. Danni war nämlich Brautjungfer und deshalb sind wir irgendwie schon um halb neun zur Wohnung der Eltern der Braut gefahren. Das wusste ich aber irgendwie nicht, mir hatte das keiner erzählt. Auf jeden Fall war ich dann plötzlich mit der Braut im Schlafanzug, Danni und der anderen Brautjungfer in einem Zimmer, in dem die Braut geschminkt wurde. Also saß ich da eine Stunde lang und habe geguckt, wie ihr knallrotes Rouge, pinker Lidschatten und Glitzer bis zur Augenbraue und roter Lippenstift verpasst wurde. Danach zog sie ein champagnerfarbenes Kleid mit Perlenstickereien mit einem weißen Schleier mit anderen Perlenstickereien und dazu goldene Glitzerschuhe an. Noch ein passendes (oder auch nicht) Krönchen aufgesetzt und sie war fertig. Als sie dann in voller Pracht dastand musste ich irgendwie an diese Schminkpuppen für Kinder denken. Wisst ihr diese Köpfe die dann frisiert und geschminkt werden können aber meistens von kleinen Mädchen mit bunten Stiften missbraucht werden. Na ja, auf jeden Fall kam ich dann aus diesem Zimmer raus und stellte fest, dass plötzlich die gesamte Wohnung voll mit Menschen war. Dann kam ein Kameramann und das Brautpaar musste den Moment in dem der Mann seine Zukünftige sieht immer wieder nachspielen, damit alles auch perfekt im Kasten war. Dann wurde mir gesagt ich soll in den Fahrstuhl gehen und ich nahm natürlich an, dass wir jetzt irgendwohin fahren, wo gefeiert wird. Dem war aber nicht so. Ich stand plötzlich im sechsten Stock in der neuen Wohnung des Paares, die sich im gleichen Haus wie die Wohnung der Eltern befindet. Ist nicht unüblich in China. Plötzlich kam dann die Braut wieder raus und hatte kein Kleid mehr an, sondern Jeansrock und T-Shirt. Hat mich natürlich etwas gewundert und mich gefragt ob die Hochzeit denn schon vorbei ist. War sie aber nicht. Noch lange nicht. Wir stiegen dann alle in Autos und fuhren zu einem Restaurant mit einem riesigen Raum wo alle aßen. Da haben wir dann aber nicht gegessen, sondern wir saßen in einem Extra-Raum mit dem Brautpaar, eben weil Danni Ehrengast war. Als ich dann wieder aus diesem Raum herauskam, da die Braut sich dann doch wieder ihr Kleid anziehen wollte, waren die ganzen Leute verschwunden.

Als nächstes fuhren wir dann zu einem Park und als ich aus dem Autofenster schaute, sah ich, dass es in diesem Park von Bräuten nur so wimmelte. Ich dachte, vielleicht macht man das ja so, dass man sich mit ganz vielen Pärchen zusammentut und feiert aber wir gingen nur in diesem Park rum und machten Fotos. Ich habe dann Danni gefragt wo wir denn sind und was wir hier machen und warum hier so viele Braüte sind. Sie hat gesagt: „Ist schön, alle machen hier Fotos.“

Wir blieben dann also 2 Stunden in diesem Park und machten Fotos vom Brautpaar. Mir war ziemlich langweilig und deshalb habe ich ein neues Spiel erfunden; das lustige „Such die Braut“-Spiel. Das geht so: Ich fotografier in irgendeine Richtung und guck danach, wie viele Bräute ich ins Bild bekommen habe. Könnt ihr auch spielen, ganz unten auf dieser Seite. Viel Spaß.

Danach ging es dann endlich zu dem Restaurant in dem die Feier stattfinden sollte. Alles war pink, plüschig und glitzern dekoriert. Plötzlich waren an die 500 Gäste da und es gab auch endlich eine Art Zeremonie mit Ringe austauschen und so. Es wurde gegessen aber während des Abends hat man nicht viel von der Braut gesehen, die kam nämlich andauernd mit neuen Barbie-Kleidern an um dann schnell wieder wegzuhetzen und sich wieder umzuziehen. Insgesamt hatte sie vier Kleider an. Am Ende des Abends sind das Brautpaar und die Trautzeugen dann aber zu jedem Tisch gegangen und an manchen Tischen mussten sie halt dann auch anstoßen.

So gegen neun Uhr kam dann Danni angerannt, völlig verzweifelt und fragte mich ob ich ihr helfen kann, weil sie nichts mehr trinken kann, aber muss weil sie Trautzeugin ist. Ich hab ihr dann halt angeboten für sie zu trinken und plötzlich stand ich vor ungefähr 15 Betrunkenen Chinesen, die sich wahnsinnig freuten, dass ich mit denen einen trinke. Die haben Danni dann auch ein Glas gegeben, das hab ich ihr aber weggenommen und gesagt, dass sie nicht mehr will. Erbarmen gab es aber nicht, sie musste die Hälfte trinken. Ich hab dann also auch getrunken und wollte wieder weggehen als mich dann jemand antippte, auf ne andere Gruppe Chinesen zeigte und mir mitteilte, dass die auch noch „Cheers“ mit mir machen wollen. Also wurde ich dann zu diesem Tisch geschleppt und hab noch einen getrunken, woraufhin ich dann an die nächste saufende Gruppe weitergeleitet wurde. Gott sei dank kam dann aber die Mutter von der Braut und hat mich da weggeholt. Die Rettung war aber nur kurzweilig, denn daraufhin wurde ich wieder verschleppt. Seufzend kündigte ich dann an, dass ich noch einen trinke und keinen mehr. Hab ich dann auch gemacht und danach hab ich mich in die hinterletzte Ecke des Restaurants verzogen. Wer behauptete die Chinesen sind nicht trinkfest- der hat Recht.

So jetzt wisst ihr, wie man in China heiratet und ich muss los.

Kuss, Marie

Montag, 1. Oktober 2007

Ein Monat ist vorbei!

Einen Monat bin ich jetzt schon von zu Hause weg. Ich bin mir noch immer nicht ganz im Klaren, ob die Zeit wie im Flug vorbeizog, oder ob mir 4 Wochen noch nie so lang vorkamen. Auf jeden Fall ist es eines von beidem. Ich glaube, ich bin mittlerweile geistig hier angekommen, aber wohnen tue ich hier noch nicht. Ich habe wohl auch realisiert, dass meine Reise für einen Urlaub doch schon zu lang ist, trotzdem fällt es mir schwer vorzustellen, dass ich diesen Ort für die nächsten neun Monate mein Zuhause nennen soll. Versteht mich nicht falsch, ich meine damit nicht, dass es mir hier nicht gefällt, es ist nur alles schon sehr fremd.

Als ich mir vor Kurzem meine anderen Einträge noch einmal durchgelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich über alles berichte, nur die Menschen mit denen ich hier zu tun habe, scheine ich dabei offensichtlich vergessen zu haben. Also sollte ich sie euch mal vorstellen. Meine Gasteltern sind total nett. Die Chance, mich richtig mit ihnen zu unterhalten habe ich leider nicht, das dauert wohl auch noch, eben so lange, bis ich anständig Sätze auf Chinesisch rausbringe. Aber obwohl ich ziemlich unkommunikativ wirken muss, sind sie immer total freundlich. Meine Gastmutter arbeitet nicht und ist den ganzen Tag zuhause. Mein Gastvater arbeitet schon, aber irgendwie habe ich noch nicht ganz herausgefunden, was. Er arbeitet zuhause und sitzt eigentlich nur am Computer und guckt sich Aktienkurse an. Wenn überhaupt. Ich habe meine Gastschwester mal gefragt, was er denn genau macht, woraufhin ich die Antwort „Buisnessman“ bekam. Aha, danke, jetzt bin ich um einiges schlauer. Mit Danni habe ich seit Schulanfang nicht mehr viel zu tun. Wir gehen jeden Morgen zusammen hin, aber nach der Schule setzt sie sich eigentlich immer hin und lernt. Ich weiß nicht, bis um wie viel Uhr, auf jeden Fall lange, denn sie ist noch immer am Lernen, wenn ich schon längst im Bett liege.

Ich muss sagen, dass ich mit den anderen Austauschschülern die meiste meiner Zeit verbringe. Chinesische Freunde habe ich noch nicht gefunden. Da ich meistens in meiner International Class bin und nur noch wenig mit meinen früheren Mitschülern zu tun habe, sind noch nicht wirklich Freundschaften entstanden. Abgesehen davon, haben Schüler in meinem Alter aber auch gar keine Zeit nach der Schule Dinge zu unternehmen, denn wie meine Gastschwester lernen sie. Sie sind alle sehr nett, das schon, aber auch alle ein Jahr jünger als ich und benehmen sich na ja, noch sehr viel jünger.

So kommt es also, dass ich mich mit den anderen Austauschschülern gut angefreundet habe, mit Lia, Mo, Golo und Andrea. Wir waren schon im Zoo, bei dem 10ten deutschen Bierfest (wir sind aber nicht rein gegangen, 38 Euro war uns zu teuer), in Einkaufszentren und natürlich in sämtlichen Fast-Food-Ketten die Shanghai zu bieten hat. Pizza Hut, McDonalds, Burger King, Papa Johns, Subway und neulich haben wir Taco Bell neu entdeckt. Sehr lecker. Es ist nicht so, dass wir unbedingt fett werden wollen, nur chinesisches Essen ist, nun ja, etwas gewöhnungsbedürftig.

Wenn ich zuhause esse, dann schmeckt mir das Essen eigentlich immer gut. Es gibt viel gekochtes Gemüse, meistens Sorten die ich in Deutschland noch nie gesehen habe. Reis gibt es auch immer und oft Garnelen, Fisch aber manchmal schummelt sich auch etwas Ekliges wie Entenhals auf den Tisch. Ich versuche mich dann halt immer daran vorbeizuschummeln und alles andere zu essen ohne, dass es jemand merkt. Klappt manchmal, leider nicht immer. Oft zeigt meine Gastfamilie auf ein Gericht und sagt den chinesischen Namen, eine indirekte Aufforderung doch mal zu probieren, der ich dann widerwillig jedoch lächelnd Folge leiste.

Jedoch wirklich widerlich ist das Essen im Restaurant und wir gehen oft essen. Meistens mit Geschäftskollegen von meinem Gastvater. In den besseren Restaurants bekommt man einen eigenen Raum zugewiesen mit einem riesigen, runden Tisch mit einer Drehplatte in der Mitte. Auf die werden dann im Laufe des Abends ganz viele kleine, verschiedene Gerichte serviert und die Platte wird immer gedreht, sodass jeder alles essen kann. In dem Raum stehen immer zwei Kellner in der Ecke um bei Bedarf Tee oder sonstige Getränke nachzuschenken oder schmutzige Teller durch saubere zu ersetzen. Besonders luxuriös ist es, wenn man auch noch einen eigenen Fernseher im Zimmer hat. Eigentlich ist das auch immer ganz gemütlich, wenn doch bloß das Essen nicht wäre. Am Anfang dachte ich noch, das wäre kein Problem, wenn ich mich beim Essen etwas zurückhalte und immer mal wieder nur von dem esse, was ich mag, aber da hab ich wohl falsch gedacht. Irgendjemand passt immer auf, dass „Mahie“ auch alle Leckereien einmal kostet. Meistens ist es der Chef meines Gastvaters, denn er bezahlt den Spaß meistens. So kommt es dann doch manchmal vor, dass roher Schweinefuß oder -ohr, Qualle oder Entenfuß in meinem Mund verschwinden. Bestimmt habe ich noch weitere ekelhafte Sachen gegessen, ich weiß es nur nicht, denn ich habe festgestellt, dass man Dinge mit der Gewissheit, dass es sich dabei um beispielsweise Fischauge handelt, sehr viel schlechter runterkriegt. Danni macht sich allerdings gerne einen Spaß daraus. Wenn wieder jemand auf irgendwas zeigt und ich es also esse sagt sie: „Weißt du was das ist? Jellyfish!“ Schmeckt übrigens genau wie Gummi.

Aber wirklich eklig war es auch als ein riesiger Topf auf unsere Drehplatte gestellt wurde und die Kellnerin sich irgendwie mit den anderen am Tisch unterhielt woraufhin auf mich gezeigt wurde und meine Schüssel mit etwas gefüllt wurde. Mir wurde die unglaubliche Ehre zuteil, den Fischkopf zu essen! Ich wusste gar nicht, wie ich mich bedanken soll…

Bei Weitem das Ekelhafteste, was mir vorgesetzt wurde, war aber eine Art Algensuppe oder so. Ich kam nach der Schule nach Hause und meine Gastmutter machte mir Reis mit Scampis warm, total lecker. Doch 5 Minuten später wurde mir auch noch ein übel riechender Matsch vor die Nase gestellt. Ich habe ja im Laufe der Zeit die Taktik entwickelt, wirklich abartige Sachen einfach mit Wasser ungekaut runterzuspülen. Bei vielen Dingen klappt das super, eigentlich bei sämtlichen Suppen und Sachen wie Seegurke oder so.

Aber schon als ich den Algenmatsch-Löffel nur in die Nähe meines Mundes führte war mir zum Kotzen zumute. Und nachdem ich das Zeug runterschluckte musste ich würgen. Mir war klar, das kann ich nicht essen. Also brauchte ich einen Plan. Ich war allein mit meiner Gastmutter, die auf dem Sofa saß, ich war nicht in ihrem Blickwinkel. Dann sah ich die Küchentücher und schnappte mir ein paar in die ich die Algen einwickelte. Das artete aber erstmal zu einer Sauerei aus, denn die Flüssigkeit sabschte durch alles durch und ich hätte Ewigkeiten gebraucht um alles in diesen Tüchern zu entsorgen. Aber mit meiner Schüssel einfach ins Bad gehen und den Matsch das Klo runterzuspülen ging ja schlecht. Aber mit dem Trinken konnte ich es machen. Also fing ich an, alles in meine Tasse reinzuschaufeln um dann unauffällig aufs Klo zu schlendern. Was für eine Erleichterung, als ich mit leeren Tasse zum Esstisch zurückkam! Ich klimperte noch einen Moment mit meinem Löffel auf der leeren Schüssel herum um dann zu verkünden, dass ich satt wäre und es mir unglaublich gut geschmeckt hätte.

Wenn ich sagen müsste was ich in meiner Zeit hier gelernt habe würde ich wohl sagen: „Das Auge isst mit! – Und Chinesen essen Augen mit…“

Denkt an mich, wenn ihr Schwarzbrot esst!

Marie

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