Heute melde ich mich nach langer Zeit mal wieder bei euch. Ich habe nicht mehr geschrieben, da sich in letzter Zeit in meinem Leben nicht viel verändert hat. Keine weiteren Kulturschocks, einschneidende Erlebnisse oder Sonstiges. Ich denke, ich habe mich so langsam eingelebt und die Dinge, die ich anfangs urkomisch gefunden und euch sofort berichtet hätte, sind für mich einfach stinknormal geworden.
Gerade in China angekommen, habe ich mich immer über viele komische Gestalten gewundert, die mir auf der Straße begegnen, mittlerweile bemerke ich es gar nicht mehr, wenn mir einer in Schlafanzug und Puschen entgegenkommt, lauthals singt oder mit sich selbst redet. Denn wenn man bei jedem Menschen, der in Deutschland schräge Blicke kassieren würde, aufblickte, dann hätte man den ganzen Tag nichts anderes zu tun.
Meine Zeit in China rennt mir davon und ehe ich es gemerkt habe, sind bereits mehr als 2 Monate vergangen. Nur in ein paar Momenten kriege ich schon Panik, wenn ich daran denke, dass es jetzt noch 8 Monate sind. Zum Beispiel, wenn ich mich frage, was ich wohl tun würde, wäre ich jetzt in Deutschland, zum tausendsten Mal das Essen verfluche oder über den chinesischen Zeichen verzweifele. Aber genauso oft freue ich mich darüber, noch eine so lange sorgenfreie Zeit vor mir zu haben.
Ich habe gemerkt, dass ich unbedingt ein Hobby brauche, denn sosehr ich das Nichtstun doch manchmal begrüße, so macht es mich hier auf die Dauer verrückt. Leider ist das nicht so einfach eines zu finden, denn wie bereits öfter erwähnt, haben die Chinesen in meinem Alter keine Freizeit und damit auch keine Zeit einen Sport auszuüben. Sportclubs gibt es hier folglich nicht wirklich. Manchmal kommt es aber auch vor, dass ein Jugendlicher hier das Klavierspielen lernt, was aber mehr aus dem Grund geschieht, dass er Punkte für die Universität sammelt. Trotz alledem bin ich optimistisch, irgendwas wird ja wohl zu finden sein, zumal ich zu fast allem bereit wäre, von Badminton bis zu Töpfern.
Zu allererst haben wir Austauschschüler beschlossen zusammen einen Chinesisch-Kochkurs zu machen und ich gehe jetzt einmal die Woche mit Golo Tennis spielen. Schon mal ein Anfang.
Hier fängt es jetzt langsam auch an Winter zu werden und ich habe mir erstmal eine fette Erkältung eingefangen. Am schlimmsten ist eigentlich die Tatsache, dass es hier keine Heizungen gibt. Wenn man Glück hat, dann gibt es eine Klimaanlage; in meiner International Class gibt es eine, in meiner chinesischen Klasse hingegen nicht. Deshalb saß ich heute auch frierend in meinem Wintermantel im Klassenzimmer. Es soll tatsächlich Austauschschüler gegeben haben, die Frostbeulen bekommen haben, weil sie zu Hause noch nicht einmal Klimaanlagen hatten. Keine Sorge, ich habe eine in meinem Zimmer, trotzdem wird da wohl noch einiges auf mich zukommen.
Während die Zeit also vergeht und ich fleißig Chinesisch lerne, merke ich allerdings auch, wie ich einiges an wichtigen Dingen vergesse. Als meine Mathelehrerin zum Beispiel letztens mit Quadratischen Funktionen ankam, habe ich feststellen müssen, dass ich keine Ahnung mehr davon hatte. Oder wenn ich versuche mir französische Sätze zusammenzubauen, merke ich, wie sich doch tatsächlich chinesische Wörter mit hereinschleichen und ich am Ende nur Französisch-Chinesisch Kauderwelsch herausbringe. Ich bin mir sicher, dass mich weder ein Chinese noch ein Franzose verstehen würde. Besonders verwunderlich ist ja auch irgendwie, dass diese Sprachen eigentlich nicht das kleinste Bisschen gemein haben. Während mein ohnehin schon geringes bisschen an Französisch also langsam verschwindet verschlechtert sich auch mein Englisch. Und zwar nicht weil ich es nicht genug spreche, sondern mehr, weil meine Gesprächspartner meistens nur sehr schlechtes Englisch sprechen und man selbst dann auf das fünfte Klasse Englisch zurückgreift um sicher zu gehen, dass man auch verstanden wird. So schrumpft das Vokabular doch schon ein wenig. Letztens habe ich feststellen müssen, dass ich vergessen hatte, was Kerze bedeutet, weshalb ich mich (beschämt) an meinen amerikanischen Klassenkameraden wenden musste um ihn zu fragen: „Hey, Rex. Those wax things, that you put on with the lighter, how where they called again? I forgot.” Peinlich.
Mittlerweile habe ich einen großen Teil meiner Schuluniform erhalten, bestehend aus 2 Blusen (lang- und kurzärmlig), 2 Poloshirts (lang- und kurzärmlig), 2 Jogginghosen und einem 2-teiligen Trainingsanzug, der aufgrund seiner grauen Farbe und seiner Größe angezogen sehr an Elefanten erinnert. Mir kam das auf jeden Fall zuerst in den Sinn. Gott sei dank muss ich mich der Schuluniform wegen aber nicht schämen, da sie ja jeder trägt. Das ist ja das Tolle an Schuluniformen. Was für eine Erkenntnis! Ich hasse sie trotzdem... Eigentlich muss ich sie aber auch gar nicht tragen, als Austauschschülerin habe ich hier ein paar Sonderrechte. Trotzdem trage ich sie eigentlich fast jeden Tag und niemand beschwert sich, wenn ich die Bluse mit einer Jeans kombiniere oder die Schuluniform einfach mal einen Tag weglasse, weil ich nach der Schule noch was vorhabe.
Morgen habe ich einen Test, ein „Mid-Term-Exam“, was eigentlich total schwachsinnig ist, da ich ja gar keine Noten kriege, aber trotzdem will ich ja so gut wie möglich abschneiden, deshalb geh ich jetzt langsam mal duschen und ab in die Haia.
Wan’an!
Marie







